beitrag 11.06.2017

Gibt es ein polyamores Coming-out?

In einem Interview wurde ich gefragt, ob ich ein polyamores Coming-out hatte. Spontan irritierte mich dieser Begriff und ich versuchte zu differenzieren oder zu relativieren. Im folgenden möchte ich nochmals gründlicher der Frage nachgehen, ob Coming-out aus meiner Sicht zu Polys passt und ob es sich bei Polyamorie überhaupt um eine individuelle (sexuelle) Orientierung handelt.

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Was ist ein Coming-out?

Ich fasse ein Coming-out so auf, dass man zu einer oder allenfalls mehreren Identitäten oder sexuellen Orientierungen steht, obwohl diese nicht der gängigen Norm entsprechen. Der Beginn ist wahrscheinlich oft ein Eingeständnis im Stillen, dass man etwas als identitätsgründend und prägend erlebt und sich damit identifiziert, obwohl es aufgrund gelernter Normen aus dem Rahmen fällt.

Etwa ein junger Mann, der feststellt, dass ihn nur Männer erotisch anziehen. Erst wird das mehr eine Ahnung sein und im Stillen geschehen und irgendwann – hoffentlich – auch im Aussen nicht mehr verheimlicht. Je intoleranter das Umfeld, desto schwieriger wird das Selbsteingeständnis sein und erst recht das öffentliche Coming-out.

Sehr passend scheint mir der Begriff auch bei Transsexualität, da diese als eine Konstante definiert wird, die nicht plötzlich kommt und vielleicht auch wieder verschwindet, sondern die als Teil der Identität permanent da ist. Natürlich kann es sein, dass jemand diesen Identitätsaspekt lange verneint oder verdrängt, da es ja viel Mut braucht, sich auf diesen Weg zu machen. Aber vermutlich würden Betroffene bestätigen, dass auch ein spätes Coming-out nicht heisst, dass diese Identifizierung erst spät entstanden ist, sondern dass sie eigentlich immer schon da war.

Bei Bisexuellen entsteht nicht selten Irritation. Denn in den meisten Gesellschaften wird mit einem einfachen Schubladensystem hantiert. In welche Kategorie sollen sie nun gepasst werden? Die Dualität Hetero-/Homosexuell wird dank Bisexuellen gestört. Offensichtlich ist hier die sexuelle Orientierung nicht auf nur ein Geschlecht fokussiert.

Und was ist mit all jenen, die fluktuierendere Identitäten oder Orientierungen haben? Es gibt ja auch Menschen, die leben heterosexuell, dann haben sie ein homosexuelles Coming-out und Jahre später verlieben sie sich noch einmal hetero. Pansexuelle leben ganz bewusst diesbezüglich offen und ohne Festschreibung.

Aus meiner Sicht ist einfach das authentisch, was subjektiv gerade der Fall ist und wenn jemand für sich ganz sicher weiss und entscheidet, dass nur Heterosexualität in Frage kommt oder nur Homosexualität, ist das genauso zu respektieren wie die Offenheit gegenüber beidem.

Polyamores Coming-out

Nun zu meinen Zweifeln, warum ich nicht ganz sicher bin, ob ich – zumindest für mich – von einem polyamourösen Coming-out sprechen würde. Ein Problem sehe ich in der Tatsache, dass man seine Identität sozusagen festschreibt, indem man sich outet.

Wenn ich sage: „Ich bin poly und eigentlich war ich schon immer poly“, unterstelle ich nachträglich in einer Rekonstruktion, dass all jene Momente, in denen ich unsterblich verliebt war und von einem romantischen zweisamen Beziehungsleben träumte, eigentlich gar nicht ich selber war.

So könnte es ja auch sein, dass ein Coming-out aufgrund des gesellschaftlichen Drucks entsteht, gefälligst zu verraten, zu welcher Gruppe man passt und gehört. Oder weil man selber Mühe hat, sich immer wieder von Neuem zu fragen, wer man gerade sei und wie man leben möchte. Und klar kann es sein, dass unter dem Strich eine polyamouröse Lebensweise ganz gut zusammengeht mit den eigenen Wünschen und Erfahrungen und doch würde ich mich dort nicht definitiv festlegen wollen. Denn weiss ich, was Morgen mit mir geschehen wird? Ja, strebe ich überhaupt diese Identität an oder ist es nicht viel mehr so, dass ich froh bin, dass ich diese MÖGLICHKEIT zulasse, als eine unter diversen?

Viel wohler ist mir mit einer Leerstelle, was oder wer ich nun sei. Es ist trotzdem nicht so, dass ich deswegen nicht mehr wüsste, wer ich bin: Natürlich gibt es Identifikationen, die jeden Tag wieder auftauchen, aber die muss ich nicht outen, ja einige nicht einmal zwingend gutheissen, sie kommen ungerufen.

Eine weitere Dimension betrifft die Frage, ob sich Polyamouröse überhaupt identitär unterscheiden von anderen Menschen, so wie das bei Transsexuellen bestimmt der Fall ist, denn nicht alle Menschen haben den starken Wunsch, den Körper einem anderen Geschlecht anzugleichen. Polyamorie scheint mir hingegen mehr mit einem Bewusstseinsprozess verknüpft zu sein, den aus meiner Sicht alle Menschen durchlaufen können, wenn sie die Offenheit haben, sich auch unbequeme Fragen zu stellen.

In ihrem Buch "Sex. Die wahre Geschichte“, kritisieren Christopher Ryan und Cacilda Jethá die pseudowissenschaftlichen Annahmen, die die Menschen als monogame Lebewesen definieren – sie zeigen, dass alles andere naheliegender ist. Insofern wäre Polyamorie (hier insbesondere im Sinne einer sexuellen Offenheit) eher das Coming-out, dass wir zu unserer Natur stehen und uns nicht gesellschaftlichen Werten und Normen unterwerfen und weniger eine individuelle Angelegenheit, bei der man seine ganz speziellen Eigenschaften entdeckt und dem Umfeld offenlegt.

Und doch: so lange die Norm anders definiert wird, wiederholen sich für die Einzelnen Coming-out Situationen. Da es nach wie vor ein Tabu ist und in meiner Jugend erst recht eins war, musste ich erst einmal herausfinden, dass es ja einen Begriff gibt, für das, was ich immer wieder fühle. Polyamorie! Das gab es ja und war nicht nur eine Marotte von mir.

Es brauchte Mut, etwa meinen Eltern mitzuteilen, dass ich nichts daran falsch finde, mehrere Beziehungen gleichzeitig zu haben oder dass ich ein Buch über Polyamorie geschrieben habe. Auch äusserte ich mich schon in Interviews zum Thema, ohne zu verheimlichen, dass es etwas mit mir persönlich zu tun hat. Und natürlich war auch eine Begeisterung da, als ich realisierte, dass ich mich dafür ja gar nicht zu schämen brauche und die Mehrfachliebe, wenn sie denn mal auftaucht, nicht verheimlichen muss.

Bestärkend war auch, dass ich immer mehr Menschen kennen lernte im Verlaufe der Zeit, die meine Ansichten zu Beziehungen teilen und auch ähnlich leben. Das ist ein Prozess, der viele Jahre andauert und da gibt es ganz bestimmt Parallelen zu dem, was gängiger Weise unter Coming-out verstanden wird. Vielleicht kommt dann der Punkt, da fühlt man sich frei so zu sein – oder zwischendurch eben auch nicht. Da braucht es diese Festschreibung fast wieder weniger als in der Zeit, da man unsicher ist, ob man so sein darf oder nicht.

Wie die Sternzeichen. Für die einen spielt es keine grosse Rolle, ob sie jetzt ein Widder oder ein Wassermann sind, andere lesen täglich ihr Horoskop und orientieren sich nach dem, was sie lesen und identifizieren sich auch damit. Ein Freund reagiert jeweils, wenn man ihn fragt, welches Sternzeichen er habe, mit: „Ich bin Staubsauger!“

In der unerwarteten Antwort liegt ein Schlüssel für Vieles: wir können auch etwas sein, das fernab von allen Erwartungen liegt: oft ist der Blumenstrauss, der uns angeboten wird, beschränkt. Wir müssen nicht für immer Staubsauger bleiben, wenn wir uns damit einmal geoutet haben. So können humorvolle Phantasien und Spielereien über unsere Identität womöglich mehr Freiraum bedeuten, als einer definitiven identitätsbezogenen Wahrheit auf die Spur kommen zu wollen, aber auch das soll immer wieder erlaubt sein.

Blogbeitrag erstmals publiziert im Polyamoriemagazin

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beitrag 12.05.2017

Liebe in der Gemeinschaft
Liebe als Konsumgut, Liebe als schwer definierbare Qualität, Verwechslungen mit Liebe und Polyamorie im weitesten Sinne

Liebe als Konsumgut
Liebe ist längst ein Produkt unter vielen geworden...

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In unserer individualistisch und egoistisch-materialistisch orientierten Welt geht es meistens nicht darum, wie sich die Einzelnen verhalten könnten, damit es der Gemeinschaft gut geht, sondern um die Frage, wie das Individuum seine Liebesbedürfnisse am besten abdecken und mittels anderer Menschen oder Produkte stillen kann. Die Anderen dürfen bei dieser Bedürfnisbefriedigung mithelfen, so lange keine allzu grossen Irritationen auftreten. So möchte ich im Folgenden einen kritischen Blick auf die aktuellen Debatten rund um Beziehungsoptionen und Polyamorie werfen und abwägen, wie weit einige Grundgedanken der Polyamorie lediglich eine Verlängerung der konsumistisch- romantischen Strömung sind.

Liebe als schwer definierbare Qualität

Um über Liebesbeziehungen diskutieren zu können, solltenwir uns fragen, was denn die Liebe überhaupt sei. Denn der Begriff der Liebe ist nicht kurz und knapp definierbar. Dennoch kann man versuchen, sich der Liebe anzunähern und das Undefinierbare zu ergründen. Ich bin der Meinung, dass man über rein philosophische, soziologische und psychologische Überlegungen an Grenzen stösst und dass das Thema letztlich eine spirituelle Dimension berührt. Der indische spirituelle Philosoph Jiddu Krishnamurti bringt folgende Überlegungen ins Spiel: „Liebe ist nicht Hass, noch Eifersucht, noch Ehrgeiz, noch der konkurrierende Geist mit seiner Angst vor Misserfolg. Es ist nicht die Liebe zu Gott, noch ist es die Liebe zum Menschen – was wiederum eine Spaltung ist. Liebe gehört nicht dem einen oder den vielen. Wenn Liebe da ist, ist sie persönlich und unpersönlich, mit und ohne Objekt. Sie ist wie der Duft einer Blume; einer oder viele können ihn einatmen; worauf es ankommt, ist der Duft, nicht wem er gehört.“ (Revolution durch Meditation, Orig. The only Revolution 1970, Gespräch 15) Wenn wir uns über das menschliche Hadern mit der Liebe unterhalten, werden wir nicht umhinkommen, uns Gedanken zu weiten Feldern zu machen, wie etwa Besitzdenken, Identitäten, Macht, Sexualitäten...

Verwechslungen mit Liebe

Wir können differenzieren zwischen Liebesbeziehungen im weitesten Sinne sowie Verliebtheit und erotischen Intimbeziehungen. Oft wird in Diskussionen unterstellt, dass eine Liebesbeziehung eine Intimbeziehung sei, die in Liebe wurzelt. Unter konventionellen romantischen Vorzeichen wird erhofft, dass sich die erste Verliebtheit möglichst fortsetzt und im geteilten Alltag oder sogar innerhalb eines Familienbundes mit Kindern, Haus, Hund und Auto ihren Höhepunkt findet. Längerfristig geht es in diesen Settings um eine Auslotung der Grenze, was an Intimität noch ausserhalb dieses Bundes (der meistens mit einer ökonomischen Verwicklung einhergeht) stattfinden darf. Denn oft kommt es ja irgendwann zu einer gewissen Ernüchterung, die Verliebtheit lässt wieder nach und erste Trennungsabsichten schleichen sich ein. Vielleicht wird mit dem Schluss: „Ich liebe dich nicht mehr“, öfters mal verwechselt, dass einfach die Verliebtheit abgeklungen ist und sich nun zeigt, dass anstelle von Liebe eher Leere empfunden wird. Nun wird gestritten, wo Intimität mit Dritten anfangen darf oder aufhören muss. Was „nur“ Freundschaft sei und was mehr, was erlaubt sein soll und was nicht. Hier finden wir oft eine Konzentration von dysfunktionalen Machtverhältnissen, Abhängigkeiten, unmenschliche Bedingungen und ganz vielen Ängsten. Also viele Elemente, die das Lieben und eine Offenheit für unvoreingenommene Begegnungen erschweren. Zur Begrenztheit intimer Liebe schrieb der deutsche Publizist und Autor Roger Willemsen in seinem Roman „Kleine Lichter“: „Die Liebe ist eine Steigerungsform, ihr geht es um alles. Deshalb gibt es die Liebe auch eigentlich nur, solange sie unmöglich oder verboten ist. Danach wird sie ein Verhandlungsergebnis, ein Kompromiss.“

Wenn ein Bewusstsein fehlt, dass die Liebe eben kein Verhandlungsergebnis ist, sondern dass wir alle herausgefordert sind, unsere Liebesfähigkeit zu kultivieren und unser Ego wahrzunehmen und kritisch zu beobachten, wird uns die Diskussion um Polyamorie und eine Erweiterung der Primärbeziehung von zwei auf drei oder vier nicht weiterbringen. Denn es geht nicht nur um individuelle Bedürfnisse und zwei- oder mehrsame Geborgenheit und Sicherheit. Sonst erweitert sich die Suche nach einem diffusen Produkt: der explosive Stoff der Hollywood Tragödie wird einfach weiter aufbereitet mit dem kapitalistischen Anliegen, sich alle Wünsche zu einem möglichst kleinen Preis erfüllen zu wollen.

Polyamorie im weitesten Sinne

Wir dürfen nicht vergessen, dass diese ganzen Vorstellungen im Rahmen der heteronormativen Monogamie angesiedelt werden müssen und dass alle anderen Modelle wie etwa Regenbogenfamilien oder polyamouröse Verbindungen lediglich an den Rändern dieser Norm auftauchen. Serielle Monogamie ist heutzutage der Standard. So schwierig der Begriff „Polyamorie“ letztlich ist, da eben die Liebe so schwer zu fassen ist, so offen ist er aber auch. Die Mehrfachliebe in einem über den Sex hinaus gefassten Sinne sollte sich aus meiner Sicht als gesamtgesellschaftlicher Fokus etablieren. Dann geht es nicht mehr so zentral um die Diskussion von Sexualitäten und wer mit wem was genau teilt, sondern um ein Bewusstsein, sich zu kümmern und sich auf die Anderen in ihrer Andersheit einzulassen. To care beschreibt das, was ich hier meine, genauer. Kümmern sollen wir uns nicht nur um jene, die wir intim lieben, sondern letztlich um alle Menschen. Oder genauer, um alle Lebewesen und unseren Planeten als Ganzes, im Respekt gegenüber zukünftigen Generationen. Nicht was uns die Welt und unser Leben bietet, sondern was wir verantwortungsbewusst in diese Welt tragen und in unseren Gemeinschaften beitragen und empfangen, das ist die Schlüsselfrage. Polyamorie wäre in diesem Sinne die Liebe zu Vielen und Vielem, die nach Aussen getragene Liebe, die im Inneren und gemeinsam kultiviert und in der Gemeinschaft (mit)geteilt wird.

Dieser Blog erschien erstmals bei philosophie.ch

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